Klaus Doldinger im Ballenlager (WN)

Es kommt nicht bei jedem Künstler vor, dass sich das Publikum schon vor dem Auftritt ein Urteil gebildet hat. Als Klaus Doldinger in Greven auf die Bühne steigt, folgt ein solcher Moment. Lang anhaltender Jubel, begeisterte Pfiffe – bereits bevor die Jazzikone zu ihrem Allerheiligsten, dem Saxofon, greift, scheint Klaus Doldinger die Grevener für sich gewonnen zu haben. Im sportiven Turnschuh, schwarz das Sakko, schwarz die Krawatte, betont verspielt das Hemd steht der mittlerweile 76-jährige Schöpfer berühmter Melodien wie der des „Tatortes“ auf der Bühne des Ballenlagers – seinem Tatort an diesem Abend. „Spielen brauchen wir hier wohl nicht mehr“, ulkt Doldinger. Erst als er zum ersten Stück ansetzt, weicht der Applaus allmählich der stillen Faszination.

Es darf verraten werden: Dieser erste Eindruck, er blieb am Freitagabend oder bestätigte sich gar um ein Vielfaches. Ein wahres Feuerwerk der Jazzmusik war es, was Doldinger und seine Band Passport im Ballenlager erklingen ließen. Wobei der Begriff Jazz zu schwach, um die Musik dieses Ausnahmekünstlers zu umschreiben. Denn manchmal hatte man den Eindruck, in einem Rockkonzert gelandet zu sein. Impulsiv, reich an Tempo- und Dynamikwechseln, mit jugendlichem Verve und Witz legten sich Passport und Doldinger ins Zeug. Jazz und Rock zusammen genommen – Fusion heißt das Zauberwort. Doldinger und Passport zeigten, weshalb sie als Pioniere dieses Genres gesehen werden, das scheinbare Gegensätze zu einer Einheit formt.

Eins mit ihrem Instrument waren nämlich alle agierenden Passport-Musiker, vorneweg der Altmeister Klaus Doldinger, der gleich mehrfach das Instrument wechselte. Erst brillierte er am klassischen Tenorsaxofon, dann am kleineren, höheren Pendant und an einer Flöte, die er einst in Pakistan erworben habe, erzählte der Jazzsenior von seinem Dasein als Weltenbummler. Und das nicht nur verbal.

Die Tour, die Passport einst in Marokko absolvierte, fand sich etwa in verjazzten Versionen afrikanischer Folklore wieder. Woanders spielte die Band brasilianischen Samba zu Ehren von Wolfgang Petersen, dem Regisseur des Filmes „Das Boot“. Die von Klaus Doldinger dazu geschriebene Filmmusik bekam ebenfalls ihren Platz. Dramatisch, dunkel, ergreifend spielte die Jazzcombo das Action-Werk. Am Ende blieb nur ein dumpfer Klang ins Nichts.

Verlorenheit liest sich auch in anderen Stücken, die weniger rockig sind, dafür aber Raum für Experimente bieten. Am Schaltpult erzeugte Verzerrungen, ein schwingender Hammond-Sound aus den Händen des Pianisten Michael Hornek, mysteriös-hallige, von Gitarrist Peter O’Mara gezupfte Klänge bei der schwermütigen Ballade „Inner Blue“ – diese Seite von Passport hat etwas traumweltlerisches, surreales, transzendentes.

Was Passport aber auch schafften, war der Mut zum Bruch. Cut! Und los ging es wieder mit der Jazz-Partytime, die von teils geremixten, teils spontan improvisierten Melodien alter Werke lebt. Atemberaubende Soli wie das Feature von Trommler Ernst Ströer oder von Bassist Patrick Scales nicht zu vergessen. Klaus Doldinger wandelte währenddessen nahezu spielerisch durch schwindelerregendste Passagen seiner Hits wie „Dark Flame“ und „Ataraxia“, so als ob das so einfach wäre. Tatsächlich war es meisterlich. Auch er bekannte: „Diese Musik hat etwas exzentrisches.“ Und etwas mitreißendes, wenn man sie so spielt wie Klaus Doldinger und Passport.

Die Konzertbesucher standen deshalb am Ende auf, um ihnen stehend zu huldigen. Mehr Worte bedarf es nicht.

Hier eine Bilderstrecke vom Konzert

 

Klaus Doldinger im Ballenlager (GZ)

Jazzrock-Ikone, Weltstar, größter deutscher Jazz-Musiker – Klaus Doldinger. Am Freitagabend brachte der mittlerweile 76-Jährige mit seiner Band Passport im restlos ausverkauften Ballenlager Erfolgstitel aus 41 Jahren Bandgeschichte zu Gehör – und überraschte sein Publikum mit einer kleinen Premiere.

Im Jubiläumsjahr der Kulturinitiative (KI) war das Doldinger-Konzert der zweite herausragende Höhepunkt nach dem Auftritt von Volker Pispers im September. Die Erwartungen an Doldinger, der sich auch mit der Komposition zahlreicher Filmmusiken („Tatort“) einen Namen gemacht hat, waren vorab sicherlich hoch.

„Schade, dass wir hier sitzen müssen“, meinte ein Besucher, und tatsächlich: Nicht einmal drei Minuten dauerte es, bis der Rhythmus von der Bühne auf das Publikum übergegangen war. „Ich hab’s ein wenig in den Knochen“, erklärte der 76-jährige Doldinger, der am Mittag mit seiner Band am FMO gelandet war und einen Imbiss in einem Grevener Restaurant eingenommen hatte, gleich zu Beginn.

Abgesehen von kurzen Pausen, in denen er einen Schluck Wasser trank oder die Bühne einen Moment lang verließ, war ihm sein Alter allerdings kaum anzumerken. Oft mit geschlossenen Augen spielend, entlockte er seinem Tenorsaxofon mal sanfte, beinahe gehauchte, dann wieder kraftvoll-drängende Melodien. Seine Bandkollegen von Passport waren nicht minder leidenschaftlich dabei. Ihre Soloparts belohnte das Publikum mit Zwischenapplaus, während Doldinger – sich lässig auf sein Saxofon stützend und dem jeweiligen Solisten zugewandt – mal andächtig, mal grinsend lauschte. Nach 55 Jahren auf der Bühne weiß Doldinger sein Publikum zu unterhalten. Viele Titel kündigte er mit kleinen Anekdoten oder an.

Den „Auftakt einer neuen Ära“ hätte etwa das bekannte „Ataraxia“ 1978 markiert. „Damals bekam die Band nach einer erfolgreichen Tournee eine komplett neue Besetzung“, erzählte Doldinger, „aber ich habe mich nicht aus der Ruhe bringen lassen – Ataraxia eben.“ An diesem Abend war das mit der inneren Ruhe zeitweise allerdings so eine Sache. Schuld an manch nervösem Musikerblick in Richtung Techniker war eine lautstarke Rückkopplung, die auch während der Uraufführung des Titelstücks von „Inner Blue“ nicht gänzlich behoben werden konnte. „Dieses Lied haben wir noch nie auf einer Bühne gespielt, es ist unsere Premiere“, erklärte Doldinger. Nach fast drei Stunden verabschiedeten sich Doldinger und Band von einem begeisterten Publikum – nach langer Zugabe.