Ringelnatzabend in der Stadtbibliothek

Es ging an diesem Samstagabend in der Stadtbibliothek in Greven um das Leben und um das Sterben von Joachim Ringelnatz (1883-1934), um seine Gedichte und um die verborgenen Seiten des Dichters. „Ringelnatz war weit mehr als der Spaßvogel, als die Ulknudel“, betonte Bernd Vogt zur Einleitung des literarisch-musikalischen Abends „Auf den Flügeln bunter Träume“, der als Kooperationsangebot der Kulturinitiative (KI) und der Stadtbibliothek für ein volles Haus sorgte. Die Musik kam von Patrik Gremme (Klavier/Gesang). Die Rezitation und Vorstellung der Biografie leistete Vogt.

Irritiert reagierten die Zuhörer, als Vogt erwähnte, dass Joachim Ringelnatz eigentlich erst mit 36 Jahren „geboren“ wurde, und zwar am 19. Dezember 1919, als er seinen Geburtsnamen Hans Bötticher sterben ließ. Der Namenswechsel vom Geburts- zum Kunstnamen war eine Befreiung für Ringelnatz. „Hans war das schwarze Schaf der Familie. Er war ein schlechter, aufmüpfiger Schüler, der nur sporadisch zur Schule ging. Schule war für ihn eine Abtötungseinrichtung“, erläuterte Vogt. Bötticher haderte zudem ein Leben lang mit seinem Äußeren, insbesondere seiner großen Nase. „Er hatte mehr als 35 unterschiedliche Tätigkeiten“, so Vogt.

Ab 1909 trat er dann in der Künstlerkneipe „Simplicissimus“ von Kathi Kobus in München auf. In der „Ananasbowle“ spielte Kobus eine tragende humoristische Rolle. Sie ließ Künstler wie Bötticher, Bertolt Brecht, Karl Valentin für die Gage eines Bieres auftreten. Das Gedicht über die „Zwei Ameisen“, die nach Australien reisen wollten, wird Ringelnatz alias Bötticher wohl in dieser Zeit im „Simpel“ vorgetragen haben.

Bötticher war ständig in Geldnot und erfolglos bis 1919, dem Datum seines Namenswechsels zu Ringelnatz. Er begann zu malen, schrieb Theaterstücke, Romane, Kinderbücher und weit über 2000 Gedichte bis zu seinem Tod 1934.

Die Gedichte „Morgenwonne“ und „Seepferdchen“ schrieb er wenige Tage nach der „Wandlung“, wie Vogt es nannte. Ringelnatz war ein Meister der Sprache, der Menschliches in Tiergestalten verpackte. Damit übte er keine offene Kritik, wurde aber dennoch zur Zielscheibe der Nationalsozialisten. Der Wechsel mit seiner Frau Leonharda Pieper nach Berlin 1930 brachte ihm nur eine kurze Entlastung vor dieser drohenden „braunen“ Gefahr ein.

Die bekannten Zyklen „Turngedichte“ und „Kuttel Daddeldu“ entstanden in den 1920er Jahren. Das Gedicht „Angstgebet in Wohnungsnot“ spiegelte die ewige finanzielle Notlage des Paares wieder. Ringelnatz war sozialkritisch, aber nie politisch. Seine Liebesgedichte berühren noch heute. Seine Vorlieben für die Tangos von Astor Piazzolla und das Lied „Paloma“, das auf seiner Beerdigung gespielt wurde, erweiterten den Blick auf Ringelnatz.

Vogt ermöglichte mit einer Bilderserie von 20 Werken einen wertvollen Einblick in das Wirken von Ringelnatz als Maler. Seine Gedichte, seine Bilder und seine Bücher galten den Nazis als „entartet“. Sein literarisches Werk erfreut sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Der Maler Ringelnatz allerdings wird erst in den letzten Jahren wiederentdeckt